Als die Leerer gegen Soldaten kickten
Beim jüngsten Tag des offenen Adventskalenders am Sportplatz erinnerte Karin Thiele daran, dass genau an diesem Tag der Sportverein 80 Jahre besteht. Anlass genug, um auf die frühere Geschichte zurückzublicken, zumal die Feiern zum 75-jährigen Bestehen wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten.
Der „Turn- und Sportverein Westfalia Leer 1945“ wurde am 9. Dezember 1945 im Lokal Fischer-Grewing von zwölf Männern gegründet. „In dieser Zusammenkunft beschließen wir, dass wir uns vereinen zu einer Gemeinschaft, die Spiel und Sport betreiben wird zur Förderung der Gesundheit aller Mitglieder und zur Hebung des Frohgefühls bei Freund und Gönner“, heißt es im Gründungsprotokoll. Der Verein wollte das zerstörte Gemeinschaftswesen und die Interaktion der Gesellschaft nach dem Krieg wiederherstellen. Bei älteren Mitgliedern sollte der Name „Westfalia“ das verloren gegangene Heimatgefühl wieder hervorrufen, bei Jugendlichen eine Verbindung zur neuen Heimat schaffen.
Die Distanzierung vom Nationalsozialismus wurde bei der Gründung des Vereins deutlich, denn sowohl religiöse als auch politische Tätigkeiten innerhalb des Vereins sind laut der Satzung verboten und werden gegebenenfalls mit sofortigem Ausschluss bestraft. Des Weiteren distanzierte sich der Verein von Diskriminierung von Mitgliedern „wegen ihrer Glaubensrichtung und wegen ihrer Rasse- und Staatszugehörigkeit“, ist in der Festschrift zu lesen, die anlässlich des 75-jährigen Bestehens federführend von Sina Frahling erstellt wurde.
Am 8. April 1945 richteten die belgischen Besatzer ihre Kommandozentrale in der Kneipe „Tante Toni“ ein. Außerdem bauten die belgischen und britischen Besatzungsmächte ihr Lager an den Fischerteichen in der Nähe des Lazaretts Loreto. Schnell wurde der Kontakt zwischen Einheimischen und ausländischen Soldaten geknüpft. Es entwickelte sich ein gutes Verhältnis zwischen Besatzern und Bürgern.
Dies führte dazu, dass die Besatzer die Fußballer zum gemeinschaftlichen Fußballspielen auf das Gelände des Lazaretts einluden. Das kam den Fußballern aus Leer entgegen, da auf dem eigenen Sportplatz kein Spielbetrieb möglich war. Dort war Schotter für die Militärfahrzeuge deponiert. Bei den Spielen an den Sonntagnachmittagen wurden die Einheimischen aus dem Ortskern mit Militärfahrzeugen zu den Fischerteichen gefahren.
Belgische und britische Soldaten waren etwa zwei Jahre in Leer stationiert. Danach wurde der ehemalige Sportplatz in Eigenleistung wiederhergerichtet und ein regelmäßiger Spielbetrieb langsam wieder aufgebaut.
Zu Gründungszeiten waren die Meinungen über das Sportwesen in Leer kontrovers, wodurch ein geregelter Trainings- sowie Spielbetrieb schwierig war. Aufgrund des fehlenden Nachwuchses löste sich die Mannschaft der ersten Stunde 1951 auf. Bis 1954 gab es lediglich eine Fußball-Jugendmannschaft in Leer.
Zu dieser Zeit mussten für die Jugendlichen Gesundheitspässe ausgestellt werden. Diese Aufgabe übernahm der im Dorf beliebte Dr. Anton Vossenberg kostenlos. Es brauchte kein Spieler zur persönlichen Untersuchung zu kommen, denn er kannte nicht nur die jungen Männer, sondern häufig die ganze Familie.
Auch materielle Engpässe erschwerten den Spielbetrieb. So wurden oft Schweineblasen als Bälle verwendet. Die Erste Mannschaft des Vereins besaß in den ersten Jahren nur einen richtigen Spielball. Auch bei den Fußballschuhen wurde improvisiert, indem unter die Springerstiefel kleine Lederstücke als Stollen genagelt wurden.
Mit der Hauptversammlung 1958 wurde sukzessiv eine Vereinsstruktur aufgebaut. Erster Vorsitzender wurde Erich Fier, damals Kämmerer der Stadt. Das führte zu mehr Solidarität und die schwierigen Anfangsjahre konnten etappenweise überwunden werden. Die Vereinsführung stellte noch im selben Jahr einen Antrag an die Gemeinde, den inzwischen provisorisch hergerichteten Sportplatz am Leerbach zu vergrößern, oder ein anderes Gelände zur Verfügung zu stellen.
Dass der Fußballbetrieb trotz der problematischen Lage des Vereins aufrechterhalten werden konnte, war erheblich der gelebten Solidarität zu verdanken. Franz Horstmann aus Ostendorf erklärte sich bereit, für ein geringes Entgelt aus der Vereinskasse den Platz für das sonntägliche Spiel bereitzumachen, denn für das Rasenmähen hatte die Gemeinde kein Geld.
Ein Novum im Jahre 1963 war, dass seitens der Gemeinde das Umziehen und Duschen der Fußballer im Keller der Marienschule (heute Astrid-Lindgren-Grundschule) gestattet wurde. Hauptlehrer Hermann Dertwinkel (von 1958 bis 1964 Westfalia-Vorsitzender) hatte dazu die Genehmigung erteilt. Zuvor hatten Waschgelegenheiten am Leerbach, im Vereinslokal Horstmann an dessen Wasserpumpe im Freien bzw. im Winter in der Waschküche oder im Saal bestanden.
1970 übernahm Bernhard Horstmann den Vorsitz von Anton Greive, wobei der Verein zu diesem Zeitpunkt 200 Mitglieder umfasste. Ein Wendepunkt war die Turnhalleneinweihung 1975/1976: Sie ermöglichte Sport vom Kleinstkinderalter bis zu den Senioren. Viele neue Mitglieder, meist Frauen und Kinder, kamen hinzu. Westfalia zählt heute 850 Mitglieder.
2001 übergab Bernhard Horstmann den Vorsitz an Ralf Hölscheidt, welcher schon einige Jahre wichtiges Mitglied im Vorstand war und Hauptverantwortlicher für die Finanzierung des Sportgebäudes war. 2004 begannen die Arbeiten für den Bau einer neuen Turnhalle, denn die 1975 errichtete Halle erfüllte nicht mehr die nötigen Standards. Hölscheidt übergab den Vorsitz 2009 an Vereinswirt Thomas Selker, der bis zu seinem Tod am 3. Januar 2021 die Geschicke des Vereins leitete. Aktueller Vorsitzender ist Michael Denkler.
Heute gehören zum Sportbetrieb zwei Fußball- und drei Tennisplätze, zwei Betriebsgebäude und eine Sporthalle.
